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Schlaflos in Berlin – Frech, witzig, ironisch

Wenn der Intendant anruft, und drei seiner Schauspielerinnen bittet – im wahrsten Sinne des Wortes – „über Nacht“ eine Berlin-Revue aus dem Boden zu stampfen, ist das schon eine Herausforderung. Die Erkrankung einer Kollegin lässt die Vorstellung des nächsten Abends ausfallen, und so ist Not am Mann. Oder besser gesagt, an der Frau: die drei Schauspielerinnen Paula (Adelheid Kleineidam), Elin (Nadine Schori) und Susi (Katharina Zapatka) nehmen die Herausforderung an. Soweit zur Rahmenhandlung, die sich zu einer brillianten, außerordentlich komischen aber auch berührenden Liebeserklärung an Berlin im Allgemeinen und an das Theater im Besonderen entwickelt. Das gelingt den drei Protagonistinnen, die auch gleichzeitig Autorinnen des Stückes sind, ohne auf die übliche Berlin-Tümelei oder das Bedienen typischer Theaterklischees zurückzugreifen.

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Die Garderobe wird hier zur Bühne. Draußen, da ist die imaginäre Bühne, auf der – ein Klassiker – Schillers Räuber aufgeführt wird. Elin (Schori), die Schillers Amalia spielt, muss zwischendurch immer wieder auf die „Bretter, die die Welt bedeuten“, um die Amalia zu geben. (Eine grossartige Szene, wie Elin nach einem Texthänger voller Verzweiflung zurück in die Garderobe geschlichen kommt).

Susi (Zapatka), Elin (Schori) und Paula (Kleineidam) müssen sich erst einmal zusammen raufen, bevor sie sich an die Arbeit machen, den Berlin-Abend für den Folgetag zu kreieren.

Susi (hoffnungslos verliebt), Elin (Probleme mit, oder besser, ohne Alkohol) und Paula (die ihren kiffenden Sohn nach Rom zu seinem Vater geschickt hat und sich mit diversen angeblichen Affären brüstet), sind wunderbar gezeichnet. So verschieden sie auch sind, teilen sie dieselben Sehnsüchte, Ängste, Zweifel. Das wird durch eine raffinierte Inszenierungsidee (Regie: Simon Kubisch) deutlich, in welcher die drei Schauspielerinnen jeweils aus der Handlung treten, um in kurzen Monologen über ihre Beziehungen zu Berlin, dem Theater, dem Leben zu sprechen.

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Langsam entstehen die ersten Ideen zum Stück für den ersehnten Abend: wild geht es durch berühmte Texte und Songs über Berlin, von Claire Waldoff, Alfred Liechtenstein, Kurt Tucholsky bis Wolf Biermann, Ideal und Hildegard Knef. Elin (Schori) gibt zwischendurch den Regisseur (zum Brüllen komisch), Paula (Kleineidam) geht zur Beruhigung der Kolleginnen Currywurst holen, schafft dabei aus Versehen ein Eifersuchtsdrama und Susi (Zapatka) singt „Berlin“ von Ideal so überzeugend, dass man sich in die Zeit der Neuen Deutschen Welle zurückversetzt fühlt. Es gib auch sehr berührende Momente. So zum Beispiel wenn Elin, die das Angebot für ein Engagement nach Graz bekommen hat, sehnsuchtsvoll Liechtenstein rezitiert, nachdem sie mit Biermanns Lied „Stalinallee“ geradezu zirkusreif über die Bühne getobt ist. Wenn Susi (Zapatka) das Gedicht der großen Knef „Hör‘ nicht auf mich“ vorträgt, wird es still im Publikum, ebenso wenn Paula für ihre Kolleginnen „Ohne Dich“ singt.

Die dramaturgische Bearbeitung der sehr unterschiedlichen Texte und Lieder ist überraschend gut gelungen und ebenso wunderbar interpretiert. Die Einzeldarbietungen wurden vom Publikum immer wieder mit spontanem Zwischenapplaus goutiert.

Es macht einfach Spaß, drei exzellenten Schauspielerinnen zuzusehen, die sich nicht scheuen, sich selbst und das Theaterleben auf die Schippe zu nehmen und vielleicht gerade dadurch ihre große Zuneigung eben zum Theater und zu der Stadt, in der sie leben, zu demonstrieren.

Die wandlungsfähige Nadine Schori, Stammschauspielerin am Renaissance Theater und zuletzt mit ihrem eigenen Stück Mordsschwestern im Bruckner Foyer zu sehen, überzeugt hier erneut in der Rolle als Elin – mal komödiantisch, mal tief berührend. Adelheid Kleineidam glänzte neben ihrem Spiel auch durch originelle Interpretation der Songs. Katharina Zapatka vermittelt die Rolle einer lebenslustigen und zugleich selbstzweifelnden Schauspielerin sehr intensiv. Am Piano Arnel Cosca, der die Damen nicht nur als Pianist wohltuend unterstützt, sondern geradezu dadaistisch völlig irrsinnige Philosophien über einen imaginären weißen Adler – den Theatergeist – von sich gibt.

Das Publikum war begeistert und feierte das Ensemble. Zwei Stunden bestes Entertainment.

Die nächste Vorstellung findet am 25. 2. 2016 im Renaissance Theater statt.

© RCR René du Vinage

Fotos © Katja Riemann

About René

René du Vinage ist Autor, Fotograf und Übersetzer und lebt nach Paris und London nun in Berlin. Sein Motto: "Heute ist die gute, alte Zeit von morgen".

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