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Doktor Schiwago – Große Gefühle in Zeiten des Krieges

„Doktor Schiwago“ gilt als eine der bewegendsten Liebesgeschichten der Literatur und gehört zu den Filmklassikern unserer Zeit. Boris Pasternaks epochaler Roman erschien 1957 und bildet die Vorlage für das gleichnamige Musical, das am Samstag, 27. Januar 2018 seine Premiere in der Musikalischen Komödie Leipzig als deutschsprachige Erstaufführung feierte.

Der vielschichtige Stoff erzählt die ergreifende Dreiecksbeziehung von Jurij Schiwago, Tonia Gromeko und Lara Guichard, die sich in tiefen Emotionen verstricken – Liebe, Leid und Leidenschaft, Hoffnung, Trauer und Scheitern vor dem Hintergrund der Russischen Revolution, den Wirren des Krieges und dem Wandel der Zeit.

In den letzten Tagen des Zarenreichs und der aufflammenden Russischen Revolution gerät Schiwagos Welt nicht nur politisch aus den Fugen. Auch als Mann ist er hin- und hergerissen zwischen seiner Ehefrau Tonia und der impulsiven, geheimnisvollen Lara, die seinen Weg immer wieder kreuzt. Aus wiederkehrenden, zufälligen Begegnungen entsteht während des Ersten Weltkriegs, in dem Jurij als Arzt und Lara als Krankenschwester arbeiten, eine zarte Liebe, gegen die beide zunächst versuchen anzukämpfen. Aber Jurij ist nicht Laras einziger Verehrer: Auch Viktor Komarovskij, ebenso reicher wie gewissenloser Verführer aus Laras Jugend, und ihr revolutionärer Ehemann Pascha Antipov, Führer der Roten Armee, kämpfen um ihr Herz.

Mit viel Feingefühl inszeniert Regisseur Cusch Jung die epische Liebesgeschichte, verwebt geschickt emotional-dramatische Momente mit gesellschaftlichen Aspekten, lässt uns tief eintauchen in die Gedankenwelt der Charaktere, scheut sich aber auch nicht davor, den fortschreitenden Wandel der Gesellschaft und die Grausamkeiten des russischen Bürgerkriegs bildgewaltig, oftmals filmisch in Szene zu setzen.

So entsteht in „Doktor Schiwago“ nicht nur das Abbild einer Liebesbeziehung mit all ihren wahrhaftigen und ungeschönten Emotionen, sondern auch ein eindringliches Portrait der russischen Gesellschaft während einer politischen Epoche, die ein ganzes Land verändern sollte.

Die zweifache Grammy-Gewinnerin Lucy Simon komponierte die berührende Musik für das Musical rund um den dichtenden Arzt Jurij Schiwago, das 2006 in San Diego uraufgeführt wurde und bereits Erfolge in Australien, Südkorea, Schweden sowie am New Yorker Broadway feierte.

Ihre opulenten, mitreißenden Kompositionen vereinen gefühlsbetonte Balladen mit dynamischen Ensemblestücken, in die traditionelle russische Klänge eingewoben werden und lassen mehr als einmal Gänsehaut entstehen. Die Leipziger Produktion greift darüber hinaus die als „Laras Thema“ berühmte, eingängige Melodie der Filmmusik auf.

Für eine gelungene Umsetzung des anspruchsvollen Stoffes ist natürlich die passende Besetzung essenziell und hier wartet „Doktor Schiwago“ mit einer Riege hervorragender Darsteller auf, die von den Ensemblerollen bis zu den Hauptfiguren optimal besetzt sind.

Für die Titelpartie konnte die Musikalische Komödie Jan Ammann gewinnen. Mit einer beeindruckenden Bühnenpräsenz verkörpert er  den sensiblen, aufrichtigen Arzt und Poeten Jurij Schiwago, einen unabhängigen Freigeist, den die Sehnsucht nach wahrer Liebe und einem freien, erfüllten Leben sowohl privat als auch politisch zwischen die Fronten treibt. Dabei spielt er alle Facetten des vielschichtigen Charakters subtil und nuanciert aus und legt so viel Leidenschaft und Hingabe in seine Figur, dass man sich seiner Gefühlswelt schon vom ersten Moment an nicht mehr entziehen kann. Den Strudel aus komplexen, tiefgreifenden Emotionen und seine innere Zerrissenheit  weiß Jan Ammann mit einer Natürlichkeit und Authentizität darzustellen, die imponiert und einfach ergreift.

Gepaart mit seiner eindringlichen schauspielerischen Leistung erschafft der Künstler so eine komplexe, eigenständige Charakterzeichnung Schiwagos, die zu keinem Augenblick Vergleiche zur literarischen oder filmischen Vorlage anstellt oder den Eindruck erweckt, dass nur eine Rolle gespielt wird. Jan Ammann lebt Jurij Schiwago mit allen Extremen seiner Gefühlswelt und kreiert zwischen zarter Hoffnung und purer Verzweiflung eine sehr intensive und persönliche Interpretation.

Stimmgewaltig meistert sein warmer Bariton gekonnt die anspruchsvolle Partitur, berührt in den leisen Tönen, um sich dann voller Hoffnungslosigkeit in Stücken wie „Tränen und Wut“ wieder zu entladen. Scheinbar mühelos bringt er alle Emotionen gesanglich zum Ausdruck und harmoniert hervorragend in den Duetten mit Hanna Mall und Lisa Habermann, die Tonia und Lara, die beiden Frauen in Schiwagos Leben verkörpern.

Hin- und hergerissen zwischen einem bodenständigen, familiären Leben mit Jugendfreundin Tonia und der aufregenden, alle Grenzen durchbrechenden Lara, die Jurij vom ersten Augenblick an fasziniert und eine nie gekannte Leidenschaft in ihm entfacht, findet sich Schiwago inmitten von Kriegswirren auch privat in einem Wirrwarr von Gefühlen wieder.

So repräsentieren die gegensätzlichen Charaktere der beiden Frauen auch die gesellschaftlichen Veränderungen Russlands und bilden konträre Parts, die Jurijs Leben auf den Kopf stellen.

Lisa Habermann als Lara bezaubert mit ihrem klaren Sopran und agiert schauspielerisch exzellent. Vor allem in ihrem Solo „Wenn die Geige sang“  kann sie ihre ganzen stimmlichen Qualitäten ausspielen. Mit Leichtigkeit entführt sie das Publikum in Ihre Welt voller Leidenschaft, Freiheit, Hoffen und Bangen. Die Wut auf Komarovskij, der sie bereits als Jugendliche verführt hat, das Sehnen nach einer gemeinsamen Zukunft mit Schiwago, aber auch die ambivalenten Gefühle gegenüber ihrer Gegenspielerin, Jurijs Frau Tonia, bringt sie überzeugend zum Ausdruck.

So ist einer der großen emotionalen Höhepunkte auch das ergreifende Duett der beiden Frauen im zweiten Akt, welches einfach zu Tränen rührt.

Hanna Mall verkörpert Tonia, die Ehefrau von Jurij Schiwago und zeichnet sie als eine Frau mit Würde und Stolz, die voller Liebe für ihren Mann sogar Verständnis für dessen Affäre mit Lara aufbringt. Im Duett „Sieh zum Mond“ mit Ammann spiegelt Mall subtil die Angst um Jurij Schiwago, der als Feldarzt in den Krieg zieht, wider und läuft gesanglich zur Höchstform auf.

Laras Ehemann Pascha wird durch Björn Christian Kuhn dargestellt, der ebenso eine beeindruckende Leistung bietet. Die Wandlung vom jungen, rebellischen Pascha Antipov zum fanatischen, machtbesessenen Strelnikow gelingt Kuhn fantastisch. Mit großer Intensität legt er beide Charaktere an und schafft es sowohl in Mimik und Gestik, als auch im Gesang die Veränderung in seinem Wesen eindringlich zu verdeutlichen und gleichsam Sympathieträger, als auch erbitterter Feind Schiwagos zu sein.

Die exzellente Wahl der Besetzung setzt sich ebenso bis in die kleineren Rollen fort. Besonders hervorzuheben ist hierbei noch der Part des Janko, gespielt von Stephen Budd. Ursprünglich aus dem Ballett der MuKo stammend, übernimmt er in „Doktor Schiwago“ einen Gesangspart, der wesentlich für den Verlauf der Handlung verantwortlich ist – er nimmt uns mit in das Kriegsgeschehen, zeigt uns die Grausamkeiten auf und bringt Lara und Jurij dazu, sich erstmals ihre Gefühle zu gestehen.

Aber auch das gesamte Ensemble, das Ballett, der Chor und vor allem das reich bestückte Orchester der Musikalischen Komödie wissen zu begeistern und erschaffen gemeinsam ein beeindruckendes Gesamtkunstwerk.

Durch zeitgemäße Kostüme, das sehr passende, auf einige wesentliche Elemente und liebevolle Details reduzierte Bühnenbild von Karin Fritz, sowie die hervorragende Lichttechnik von Thorsten Mengel entstehen atmosphärisch dichte Bilder, die  ständig wechselnde Schauplätze kreieren. So wandelt sich die Bühne im Laufe des Abends  vom wohligen Zuhause mit Kamin, zum Kriegsschauplatz und Lazarett bis hin zu Strelnikows Eisenbahnwagen und entführt das Publikum geschickt in Zeiten zwischen Wohlstand und Kriegsleid. Man hat hier den Eindruck, dass jedes Rädchen perfekt ineinander greift und so Großes entsteht.

Trotz der imposanten Spieldauer von drei Stunden, in denen der anspruchsvolle Stoff verarbeitet wird, weist das Stück keinerlei Längen auf. Einmal mitgenommen auf diese Reise, verfolgt man gebannt das Leben und Leid Schiwagos und wird am Ende nach einer dreistündigen, emotionalen Achterbahn mit einer beeindruckenden Finalszene und zahlreichen Eindrücken entlassen, die zum Nachdenken anregen.

Mit „Doktor Schiwago“ ist der Musikalischen Komödie wahrlich ein Meisterwerk gelungen, welches nachhaltig beeindruckt. Bereits jetzt sind alle Vorstellungen der aktuellen Spielzeit restlos ausverkauft, so dass wir auf eine Wiederaufnahme im kommenden Jahr hoffen, um erneut in den Genuss zu kommen.

© Melanie Renker

About René

René du Vinage ist Autor, Fotograf und Übersetzer und lebt nach Paris und London nun in Berlin. Sein Motto: "Heute ist die gute, alte Zeit von morgen".

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